Blühende Landschaften, statt Na(ht)zischeiss
Gemeinsam gegen die Nazitreffen in Eschede
Seit Jahrzehnten besteht mit dem Hof von Joachim Nahtz in Eschede ein Treffpunkt für Neonazis mit überregionaler Bedeutung. An keinem anderen Ort in Norddeutschland fanden so häufig und regelmäßig größere Naziveranstaltungen statt. Dies meist ungestört und geschützt durch die Polizei.
RechtsRock-Konzerte, interne Veranstaltungen, Wehrsportübungen, Sonnenwendfeiern, "Erntedankfeste" oder Zeltlager: für neofaschistische Organisationen ist der Hof in Eschde von zentraler Bedeutung. Dabei spielen die Sonnenwendfeiern im Juni und Dezember eine besondere Rolle bei der Zelebrierung nationalsozialistischer Ideologie. Im Juni wollen Neonazis in Eschede wieder eine "Sommersonnenwendfeier" durchführen.
Die Veranstaltungen dienen neben dem Ausleben einer neofaschistischen Ideologie auch der Vernetzung der Neonazis untereinander. Organisationen und Einzelpersonen treffen sich, Kontakte werden geknüpft und ausgebaut, die Veranstaltungen sollen die rechte Szene nach innen stärken. Nach dem Vorbild des Dritten Reiches soll die Gesinnungsgemeinschaft durch gemeinsame Rituale für die ganze Familie gefestigt werden. In Eschede werden jugendliche Neonazis, AktivistInnen und SympathisantInnen und deren Kinder indoktriniert, neofaschistische Ideologie und rassistische Weltanschauungen wird weitergereicht und verfestigt.
Braune Idylle...
Auf dem heruntergekommenen Hof in Eschede konnten sich unterschiedliche Gruppen der Extremen Rechten treffen. Neben Wehrsportübungen der Hamburger "Nationalen Liste", traf sich dort vor allem die NPD. Seit Sommer 2007 haben niedersächsische Nazi-Kameradschaften die Organisation der Veranstaltungen übernommen. Hierbei spielte die "Kameradschaft 73 Celle" die größte Rolle. Diese Nazigruppe, um den Celler Dennis Bührig, unterhielt enge Verbindungen in die norddeutsche Naziszene. Sie galt als eine der größten und aktivisten Kameradschaften und Dennis Bührig als einer der maßgeblichen Anführer des Nazinetzwerks "Nationale Sozialisten Niedersachsen".
Seit 2010 spielt die niedersächsische NPD wieder eine größere Rolle bei den dortigen Veranstaltungen. Ein "Erntefest" am 25. September 2010 wurde gemeinsam mit den "Düütschen Deerns", einer neofaschistischen Frauenkameradschaft, durchgeführt und stellte gleichzeitig die Abschlussveranstaltung des Wahlkampfes der NPD zur Bundestagswahl dar.
In der zweiten Hälfte des Jahres 2010 kam es in der niedersächsischen Kameradschaftsszene zu erheblichen internen Auseinandersetzungen, bei denen es um Führungsstreitigkeiten, die Zusammenarbeit mit der NPD aber auch um persönliche Befindlichkeiten und Beziehungen untereinander ging. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen löste sich die "Kameradschaft 73 Celle" auf und die Wintersonnenwendfeier im Dezember 2010 fiel aus.
Seit Anfang 2011 tritt Dennis Bührig mitsamt einem kleinen Teil der ehemaligen "Kameradschaft 73" und neugewonnenen jugendlichen Aktivisten und Hannoveraner Neonazis wieder verstärkt in Celle und Umgebung auf. Jetzt unter dem neuen Namen "Freie Kräfte Celle". Dabei ist auffällig, dass auf ein jugendliches und scheinbar rebellisches Auftreten geachtet wird und auf eine altertümlich wirkende völkische Rhetorik und Symbolik verzichtet wird.
In Eschede hat sich in den letzten Jahren eine kleine Naziszene gebildet. Waren diese zumeist jüngeren Personen zunächst "nur" bei den Treffen auf Hof Nahtz zugegen, traten sie in den Monaten auch im Dorf auf. Mehrmals fanden sich dort Aukleber extrem rechter Gruppierungen, Flugblätter wurden verteilt und es kam zu Pöbeleien und Bedrohungen. Am 20. April 2011 feierten mehrere dieser Neonazis den Geburtstag von Adolf Hitler.
Die Veranstaltungen auf Hof Nahtz spielen eine gewichtige Rolle für das Anwachsen der regionalen Nazistrukturen und deren scheinbare Attraktivität und Vielfältigkeit. Über die "Brauchtumsfeiern" findet ein leichterer Zugang zum organisierten Neofaschismus statt und die Auswirkungen erleben wir in einer aktiven und verfestigten Nazistruktur im Landkreis Celle und darüberhinaus.
Ruhe und Ordnung oder doch lieber Protest?
Jahrelang konnten sich die Nazis ungestört in Eschede treffen. Niemand sah sich veranlasst, etwas gegen das braune Treiben dort zu unternehmen. Für die Mehrheit in Eschede bestand kein Problem, da die Veranstaltungen ausserhalb des Ortes stattfanden und mensch die Nazis eigentlich nur sehr selten zu Gesicht bekam. Joachim Nahtz galt als etwas sonderbarer Spinner, an dessen Einstellung sich kaum jemand störte. Mehr Gesprächsstoff bot vielmehr, dass er den Hof nach und nach runterwirtschaftete und gelegentlich seine Pacht nicht rechtzeitig zahlte.
Anstoss an dem Ganzen nahm mensch im Landkreis Celle erst, als sich ab dem Jahr 2007 - nach einem Zeltlager der mittlerweile verbotenen "Heimattreuen Deutschen Jugend" - Protest gegen die Nazitreffen entwickelte. Höhepunkte dieser Proteste waren zwei antifaschistische Demonstrationen im Juni und Dezember 2008 und eine Bündnisdemonstration im Dezember 2009. Die unterschiedlichen Aktionen gegen die Nazitreffen sorgten für eine überregionale Beachtung der Zustände in Eschede.
Polizei und Landkreis Celle sahen in den verschiedenen Kundgebungen, Demonstrationen und anderen Veranstaltungen vor allem eine "Gefährung der öffentlichen Sicherheit". Die Veranstaltungen wurden massiv eingeschränkt und zum Teil mit sehr großem Polizeiaufgebot begleitet. Die Polizei sah ihre Aufgabe darin, die Nazitreffen zu schützen und die Zuwege zum Hof Nahtz für die Nazis frei zu halten. Die Nazis "bedankten" sich für die zuvorkommende Behandlung durch die Polizei damit, dass sie regelmäßig nach Eschede kamen.
Diese Polizeiarbeit in Eschede geht einher mit Diffamierungskampagnen gegen aktive antifaschistische Initiativen und einer gleichzeitigen Verharmlosung der neofaschistischen Veranstaltungen und Aktivitäten im Landkreis Celle.
Ignoranz, Gleichgültigkeit und klammheimliche Zustimmung hilft den Nazis bei ihren Aktivitäten nicht nur im Landkreis Celle. In Eschede kommt hinzu, dass vielmehr der Protest und eine Berichterstattung in den Medien als eigentliches Problem angesehen wird und Polizei und Landkreisverwaltung den Nazis ungestörte Veranstaltungen ermöglichen.
Damit es nicht so bleibt, wie es ist!
"Das Problem mit den Nazitreffen in Eschede könnte mensch damit lösen, das der Hof von Joachim Nahtz abgerissen wird, das Gelände umgepflügt und dort dann Bäume gepflanzt werden. Dies scheint zurzeit noch nicht als sehr realistisch, sollte aber als eine Option im Gedächtnis verbleiben. Solange das antifaschistische Abrissunternehmen noch nicht bestellt werden kann, geht es darum, eine langfristige Perspektive zu entwickeln und die verschiedenen Initiativen zusammenführen und langfristig eine gemeinsame Basis zu schaffen, die zumindest das Ziel formuliert, die Nazitreffen nicht unbeantwortet zu lassen und nicht die Augen vor den Naziaktivitäten in Eschede und im Landkreis Celle zu verschließen."
Was im Oktober 2009 formuliert wurde, hat an Gültigkeit nichts verloren. Antifaschistischer Protest und Widerstand muss lautstark und effektiv in Eschede auf die Straße getragen werden.
Jeglicher Gleichsetzung von antifaschistischen Zielen und der menschenverachtenden Ideologie der Nazis muss widersprochen werden! Die Extremismusdoktrin, mit die der Inlandsgeheimdienst (der sog. "Verfassungsschutz") operiert, führt dazu, dass Faschismus und rechte Gewalt verharmlost und antifaschistischer Widerstand delegitimiert wird.
Widerstand gegen die Nazitreffen in Eschede muss sich auch gegen die Ursachen nationalistischer, rassistischer und antisemitischer Einstellungen und Handlungen richten. Menschenverachtende Positionen allein den organisierten Nazis aus der NPD oder Nazikameradschaften zuzuschreiben, verstellt den Blick auf bedrohliche Entwicklungen, die sich jenseits der rechten Parteien abspielen. Rassismus und Antisemitismus haben hierzulande eine große Basis quer durch die Gesellschaft. Das Beispiel Thilo Sarrazin zeigt dies deutlich.
Faschistische Propaganda und Nazitreffen dürfen nicht unwidersprochen bleiben. Überall gilt es, sich den Nazis entgegenzustellen. Statt Ruhe und Ordnung muss den Nazis ein ruhiges Hinterland genommen werden und die Veranstaltungen auf dem Gelände von Joachim Nahtz letztendlich beendet werden.
Dies im Sinne des Schwurs der befreiten KZ-Häftlinge von Buchwald: "Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel."
Samstag, 18. Juni 2011
Kundgebung
14 Uhr
Bahnhof - Eschede
Samstag, 25. Juni 2011
Bündnisdemonstration
14 Uhr
Bahnhof - Eschede
Antifaschistische Aktion Lüneburg/Uelzen